"I was the ,black sheep' in the family", das sagt Vince Briffa, Biennale-Teilnehmer aus Malta, dessen Installation in der Feldkircher Johanneskirche zu sehen ist. Interview von Eva Jakob
Das mit dem "schwarzen Schaf" sagt Vince Briffa natürlich schmunzelnd. Und man kommt ohnehin nicht so leicht hinter seine Schliche. Denn der Künstler aus Malta, 1999 war er Teilnehmer der Biennale in Venedig, behauptet gleichzeitig, dass er aus einer "sehr einfachen Familie" stammt. Erstlangsam erfährt man, dass der Papa bei der Royal Air Force arbeitet und nach und nach die familieneigene Bibliothek mit Kunstbüchern angefüllt hat. "Du bist noch zu jung dafür", wurde Klein-Vince bedeutet, als er seine Nase in die Bücher stecken wollte. Aber der Junior ließ sich nicht beirren und begann zudem einfach zu zeichnen - und zu malen natürlich. Seine Entdeckungsreisen in Sachen Kunst also hat Vince Briffa im Alter von zehn/elf Jahren mutterseelenallein begonnen. Und er hat sich durchgesetzt. Als er die Schule für Grafik und Design besuchen wollte, gab es von der Familie her kaum Widerstände.
Herr Briffa, erzählen Sie bitte von der Kunstschule, von Ihrem ersten Unterricht in Malta.
Als ich in die Schule kam - ja ... das war dann der Moment, wo ich die Kunst ernst zu nehmen begann. Zuerst habe ich mich der Fotografie zugewandt. Freunde haben mir geholfen, aber - wie soll ich sagen - das Wesentliche habe ich selbst entdeckt. Meine spätere Ausbildung habe ich in England fortgesetzt. Reisen - das ist mir heute noch wichtig. Wenn ich nicht mindestens zweimal im Jahr eine große Reise machen kann, also dann wäre ich unglücklich.
Caravaggio ist, wie man in Ihrer Biografie lesen kann, ein wichtiger Bezugspunkt für Sie. Er war ja bekanntlich einer der ersten Playboys unter den Künstlern.
(Lacht) Und er war immer auf der Flucht.
Vor Häschern und eifersüchtigen Ehemännern?
Wohl möglich. Bei uns in Malta ist er dann zur Ruhe gekommen. Was mich an ihm fasziniert, ist einmal natürlich die Qualität seiner Arbeit. Aber dahinter fühlt man seine Ängste,die er durch Verfremdung artikuliert. Natürlich malt er bezogen auf den Menschen. Aber man fühlt dahinter, dass er die Spezies Mensch meint. Man erkennt die Spezies hinter dem Individuum. Und man bemerkt auch, dass er meint, dass der Mensch keine Macht hat über die Natur.
Den Menschen über die Natur stellen?
Könnte man sagen, durchaus.
Wann haben Sie mit der Video-Kunst begonnen?
So ungefähr vor zehn Jahren. Zuerst habe ich in der "kommerziellen Welt" gearbeitet.
Weniger elegant ausgedrückt heißt das in der Werbung?
Richtig. Und so kam ich in die Atmosphäre. Ich habe mit den Bildern gearbeitet, mit dem Ton, mit dem Licht - wesentlich war für mich, dass man mit dem Video die Zeit darstellen kann, die Bewegung.
Wenn Sie etwas zu Ihrer Biennale-Arbeit sagen wollen, die Sie neben der Installation im Kirchenraum in der Sakristei zeigen.
Also: Verschiedene Menschen liegen da und werden langsam von Erde und von Blättern bedeckt.
Symbol für die Vergänglichkeit? Von Erde bist Du gekommen und zu Erde ...?
Ja, natürlich. Der Betrachter soll Teil der Installation werden.
Er soll mitdenken, mitfühlen?
Ich hoffe schon. In Venedig habe ich es auch so gemacht, dass der Betrachter die Erde betritt, die Blätter und auch den Geruch wahrnimmt.
Das mit der Erde ist ein christlich-katholisches Zitat, Sie nennen Ihre Installation jedoch "Hermes". Und das war - wenn ich mich richtig erinnere - ein ziemlich heidnischer Götterbote.
Hermes war bei den alten Griechen der Bote zwischen den Welten; zwischen dem Himmel und der Unterwelt, aber er hatte auch Verbindung zur Erde. Er war also in allen drei Welten zuhause. Und von hier aus schlägt sich für mich die Brücke zur Zeit nach Jesus, nach Christi Geburt. Denn Augustinus sagt: "Wenn mich jemand fragt, was ist die Zeit, sage ich, ich weiß es. Aber wenn ich das erklären möchte" - ich zitiere nur sinngemäß - also Augustinus meint: "Dann weiß ich es nicht." Und Augustinus fährt fort: "Es könnte gesagt werden, dass es möglicherweise drei Zeiten gibt. Die Vergangenheit der gegenwärtigen Dinge, die Gegenwart der gegenwärtigen Dinge und die Gegenwart der Dinge der Zukunft." Und jetzt - sinngemäß: Diese Dinge existieren in der Seele. Aber andererseits könne man sie nicht sehen. Ein weites Feld. Und bedenken muss man, dass Augustinus das im vierten Jahrhundert - nach Christus meine ich - geschrieben hat.
Nun müssen Sie aber noch von Ihrem Werdegang, von Ihrer Ausbildung berichten. Denn so einfach ist es ja nicht die "höheren Weihen" der Biennale zu erlangen.
Okay, der Reihe nach: 1958 bin ich geboren. Von 1976 bis '79 habe ich in Malta an der School of Art studiert. Sodann habe ich einige Zeit in London studiert, auch in der Meisterklasse von Sir Eduardo Paolozzi in Edinburg/Schottland am College of Arts. Meinen 'Master' konnte ich bei Fine Art at Bretton Hall College an der Universität von Leeds absolvieren. Bis zum Jahre 1990 war ich an verschiedenen Film und Videoproduktionen beteiligt. Ausstellen konnte ich in Malta, in Deutschland und in London. 1996 war ich am Edinburg- Festival beteiligt. Zuvor habe ich noch in Spanien, Russland, Ägypten und in Amerika ausstellen können.
Glanzvoller Höhepunkt aber war die Biennale?
Schon.
Ich muss doch noch mal nach Ihrer persönlichen Einstellung fragen; in Bezug auf den heidnischen Götterboten und Wanderer zwischen den Welten.
Ich weiß schon, was Sie meinen. Malta also ist ein sehr konservatives christlich katholisches Land. Im Detail habe ich Mühe, mich dem anzuschließen. Etwas aber ist für mich wesentlich: Und das ist die Spiritualität. Und Inhalt meiner Arbeit ist immer ein spirituelles Engagement.
Wie man bei Ihrer Installation in der Kirche sehen kann.
Der Raum hat mich sofort inspiriert. Vor allem die offenen Ausgrabungen. Das beginnt schon mit der Lage, in der Marktgasse von Feldkirch, wo es noch Bauten aus dem Mittelalter gibt, wie den Johanniterhof. Und die Kirche war ja ehemals ein Hospiz der Johanniter. Während meiner Ausstellung in den Monaten Juni, Juli und August wird die Kirche in ihrer ursprünglichen Funktion wiederhergestellt, als Ort der Anbetung und des Gebets. Ich erreiche das durch Video, Audio, Fotografie und eine Lichtinstallation, die den Titel AMEN - NEMMEN trägt.
Das heißt auf Deutsch?
So sei es - ich glaube. Das gesamte Kunstwerk ist eine Sammlung sehr individueller Geschichten.
Von Menschen aus Malta?
Ja, von Bauern, die zwar individuelle Geschichten, aber doch etwas Gemeinsames haben: den Glauben, den lebendigen Glauben an Gott. Während der vergangenen Monate habe ich mittels Video, Audio und Fotografie eine große Gruppe von Menschen dokumentiert, die aus erster Hand individuelle religiöse Erfahrungen machten. Die Räumlichkeit wird einmal mehr von Gläubigen "besucht", die diesmal von den Inseln Maltas kommen und die gewillt sind, ihre persönlichen Wahrheiten mit der Besucheröffentlichkeit zu teilen. Die Kirche wird so wieder ein Ort für Besinnung und Meditation, wobei sie die Betrachter einlädt, sich damit auseinander zu setzen /in Dialog zu treten und Teil jeder einzelnen Geschichte zu werden.
Sprechen Sie bitte noch von den technischen Details.
Durch die zwei Video- und vier Diaprojektionen und durch die 350 hängenden Drucke, durch Beleuchtung und Ton wird die Kirche wieder ein lebendiger Beweis für den lebendigen Gottesglauben in meinem Land, in Malta. Denn Abschriften und Übersetzungen aller Aussagen der Bauern, die Zeugnis geben, werden auf CDs in Deutsch, Englisch und Maltesisch erhältlich sein. Die CDs werden am Eröffnungsabend (8.06.) verteilt. Zugänglich sind sie zudem im Internet als Website.
*
Vince Briffa, 1958 auf Malta geboren, studierte die Schönen Künste in Malta, Edinburgh und Leeds/Großbritannien. Zur Zeit liest er für ein PhD "Schöne Künste und Medienpraxis" (Fine Art and Media Practice) an der Universität von Central-Lancashire in England. Seine Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in Großbritannien, Italien, Deutschland, Spanien, Liechtenstein, Malta und den USA gezeigt. Die Ausstellungen beim Edinburgh-Festival 1996 wurden ausgewählt, Malta bei der 48-sten Internationalen Biennale in Venedig 1999 und im Palais der Nationen in Genf im Jahre 2001 zu vertreten.
Vince Briffa - 70, Hookham Frere Street - G’Mangia MSD07 - Malta